Ein Leinensack voller Zündstoff

Von Hans Pfirmann


Im Kriegsjahr 1944 wohnte Klaus nur wenige Meter von der Wohnung seines Freundes Hans (der bin ich) entfernt in einem Einfamilienhaus am Jahn-Sportplatz in Landau. Beide Buben hatten im Krieg den Vater verloren. Klaus hatte drei Schwestern, die ebenso wie seine Mutter einigen Druck auf ihn ausübten. Überhaupt hatten der zehnjährige Klaus und der siebenjährige Hans keinen leichten Stand. Nur mit einem festen Überlebenswillen konnte man sich damals in dieser Welt behaupten. Beim Kampf ums Überleben, zum Beispiel bei der Obsternte in anderer Leute Gärten, erwies sich der Klaus als herausragender Stratege. Seine Strategie, die sich durch Schnelligkeit und die Kenntnis von sicheren Fluchtwegen auszeichnete, bescherte den Freunden fast immer Erfolg und festigte ihren Zusammenhalt. Als später der Hunger nachließ, hatten das Obst und die Gartenbesitzer ihre Ruhe. Einen Dank für seine beispielhaften Leistungen erhielt der Klaus nicht - das sei hiermit nachgeholt.

Im Winter 1944/45 war es eisig kalt, Schnee fiel vom Himmel und verzauberte die Landschaft. Vom Himmel fielen aber auch Bomben auf Landau. Die waren gar nicht lustig. Die Bürger verbrachten zu ihrem Schutz viel Zeit im Bombenkeller bei Kerzenlicht, Kälte und Angst. Die Kinder hatten vor Kriegsende schulfrei. In dieser Zeit sammelten die Freunde Klaus und Hans alle Größen von Bombensplittern, die sie finden konnten. Das Zeug deponierten sie fein sortiert nach Größe und Gewicht bei Klaus im Gartenhaus. Soweit war bis jetzt alles gut, wenn man in dieser Zeit überhaupt von gut sprechen konnte. Doch dann änderte sich das Leben der Buben dramatisch. Amerikanische Jagdbomber, kurz „Jabo" genannt, warfen Brandbomben auf ihr Wohngebiet. Die getroffenen Häuser brannten lichterloh, die Bewohner wurden evakuiert und die Brände von der Feuerwehr soweit wie möglich gelöscht.

Klaus und Hans beobachteten das Inferno vom gegenüber liegenden Park aus. Sie hatten ihre Schlitten dabei. Da entdeckten die beiden in einem großen Schneehaufen drei nicht explodierte Brandbomben. Wie eine Brandbombe aussieht, hatte man in der Schule, als Warnung, gezeigt und die Wirkung erklärt. In ihren Köpfen ging es jetzt rund. Sie packten die Bomben auf ihre Schlitten, deckten sie mit unschuldigem Schnee zu und zogen unbeachtet in Richtung Gartenhaus. Dort verstauten sie die Beute und beschlossen, die Sache streng geheim zu halten. Doch es kam anders. Klaus probierte im Garten die Kriegsbeute aus. Er warf eine Bombe quer über die Beete und traf einen Begrenzungsstein. Die Bombe explodierte und brannte lichterloh. Der Nachbar namens Abt wurde aufmerksam, kam mit einem Sandsack und löschte die brennende Bombe. Damit war dieses Kapitel zunächst glücklich beendet.

Klaus beichtete die Geschichte seiner Mutter, der Nachbar brachte die noch intakten Bomben zur Polizei. Daraufhin bekamen Klaus und Hans Besuch von zwei grimmig aussehenden Polizisten in Zivil. Getrennt wurden sie verhört. Nach den Geständnissen warf man den Müttern mangelhafte Erziehung ihrer Buben vor und trichterte den beiden ein, wie man sich in solchen Fällen zu verhalten habe: Es sei Pflicht, Meldung bei der Polizei zu machen. Dies versprachen sie treuherzig.

Schon bald waren sie wieder unterwegs und fühlten sie sich irgendwie wichtig für den Kriegsverlauf. Auf der Suche nach Material für die Splitter-Sammlung kamen sie an den Tennisplätzen vorbei und entdeckten dort im dichten Gebüsch eine nicht explodierte Splitterbombe. Sie war so um die 25 Zentimeter groß - ein kapitaler Fund. Wie üblich hatten die Buben einen kleinen Leinensack für ihre Fundsachen dabei. Darin verstauten sie die Bombe und brachten sie wie befohlen zur Polizei. „Mer henn widder was g"funne, des wolle mir abgewwe," sagten sie stolz beim Betreten der Wachstube, packten die Bombe aus dem Leinensack und legten sie auf den Tresen. Zum ihrem großen Erstaunen flüchteten vier schreiende Polizisten sofort aus dem Amtszimmer: „Ihr Zwee kummt her, awwer schnell."

Die Alarmanlage machte einen Riesenkrach. Das Wachzimmer wurde abgeriegelt. Innerhalb kurzer Zeit kamen zwei Spezialisten und entschärften die Splitterbombe. Als sich das Umfeld beruhigt hatte, las man den Helden Klaus und Hans erneut die Leviten - von wegen Bomben spazieren tragen. Wichtig sei, das Zeug nicht anzufassen und die Polizei zu verständigen. Auch dies mussten sie jetzt versprechen.

Schließlich brachten die freundlichen Herren die Freunde im Polizeiauto nach Hause - für beide ein Erlebnis, denn wer fuhr damals schon im Auto. Noch einmal wurden die Mütter wegen der Erziehung ihres Nachwuchses ermahnt. Jetzt endlich ging den Freunden auf, wie sehr sie sich und andere mit ihrem Leichtsinn in Gefahr gebracht hatten. Und noch heute tut es Klaus und Hans leid, dass sie ihren Müttern diese Aufregungen nicht erspart haben. Auf das weitere Kriegsgeschehen allerdings hatten diese Ereignisse keinen Einfluss.

Über den Autor

Länger als 25 Jahre hat er in Landau, der Heimatstadt seiner Mutter, gelebt und hier seine gesamte Kindheit und Jugend verbracht. Erst in seinem siebten Lebensjahrzehnt hat Hans Pfirmann auf die Schul- und Lehrjahre in der Südpfalz zurück und in heiteren Erzählungen Erlebnisse aus den 50er- und 60er-Jahren beschrieben. Hans Pfirmann wurde 1937 als zweiter Sohn des Feinmechanikers Friedrich Pfirmann und seiner Ehefrau Elisabeth in Ludwigshafen geboren. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie mit den Söhnen Wolfgang, Hans und Klaus nach Landau. Hans Pfirmann absolvierte nach der Mittleren Reife eine Lehre als Einzelhandelskaufmann bei der Firma Jooss in Landau. Später wurde er Verkaufs-Abteilungsleiter bei den GEG-Weinkellereien Landau und Rüdesheim und Geschäftsführer bei den Gebietswinzergenossenschaften Maikammer und „Deutsches Weintor" in Schweigen. In seiner Freizeit war er beim Allgemeinen Sportverein (ASV) Landau als Fußballer und beim Eisenbahner-Sportverein (ESV) Landau als Tischtennisspieler aktiv.. 1968 wurde er Verkaufsleiter bei der Firma Hengstenberg in Esslingen am Neckar, wo er seit dieser Zeit mit Ehefrau Helga und Tochter Petra lebt. Seine bisher unveröffentlichten autobiografischen „Geschichten vom Hans", die ihm so munter aus der Feder flossen und die beispielhaft sind für die Jugend einer ganzen Generation, hat er in seiner neuen Heimat schon bei vielen Lesungen in Vereinen oder kulturellen Einrichtungen Schmunzeln und Gelächter geerntet. Ein Teil davon wurde uns zur Verfügung gestellt und erstmals in der Tageszeitung "Die Rheinpfalz" veröffentlicht. Im Mai 2008 ist Hans Pfirrmann in Esslingen verstorben. Seinem Wunsch, in Pfälzer Erde bestattet zu werden, hat seine Familie Rechnung getragen: Er wurde auf dem städtischen Friedhof in Landau zu Grabe getragen.( iwa)

Afftöiben

Dat ist jo banning dösig togahn: Dat is all meist half een, dat is’n luusigen Wind, un ick mutt hier noch noch’n Dreevertelstünn früsten. „0.08 – E3720 – Gleis 3“ hett sor up den Fohrpal stahn und ganz lütt dorünner: „nur 23.V. und 20.VII. – 16.VIII.“ man dat harr ich nich sehn. Dor stünn ick nu an dat leddig‘ Gleis un puuß‘ de Backen up. Keen Minsch, keen Toch – bit Klock veer wör hier Paus’. Man got, dat Elke un Sebastian nich so fröih inne Puuch kröjpen doot; ick heff jüm anpingelt un se hebbt mi toseggt, dat se mi afhahln wüllt, bloß sünd dat bi veertig Kilometers, und da heet för mi Töiben un Früsten.

Dat Ludwigshafen een “Metropole der Vporderpfalz” is, dat kannst’ bi düssen Bahnhof in so’n Februarnacht meist nich ahn’n. Sess, sääbn, schummrige Latüchten makt den wieden leddigen Hoff vör de groten Glasdörn noch düst’rer – dor wonähm se nich henlüchten doot. De mit tonägst gnurrt und blinkert to’n Mallweern, jichtenswo jiepert wat von den Wind.

Hinnen, up de anner Siet, röögt sick wat: Dor lähnt’n Fohrrad anne Wand, un dornäb‘n, bi de Bank, dor steiht een Kerl. He ist jüst upstahn, hett dor woll säten oder leegen. He kickt na mi her, un nu geiht he los – ‘n bäten stökering – jüst up me to. Ick öög mal inne Rund: Nee, anners is hier keen. He kummt nööger un mi ward klamm. He hett een ool’n vergneurten Hoot up’n Dassel, dor strüüvt dat Hoor ünner rut, und dat geiht jüst so strüüvig wieder – as Bort – rund üm’t Gesicht umto. Sien Kledaasch: Troyer, Mürkerwest, Manchesterböx – der Farv allens wat twüschen Bruun un Gröin – un Schoh, jüst so vergneurt als de Hoot, knütte Handschen, `nähm de bloten Fingers rutkieeken doot, Beerbuddel inne Hand. He mach so bi veertig wähn – man sein Gesicht vertellt woll ehrder von sien Leven as von sein Öller.

Nu stiht he vör mi, un wi sünd alleen.

„Wartste auf besseres Wetter?“

Em fählt twee Tähn, man ick kann em gott verstahn.

„Hab’n Zug verpasst.“ 
„Und jetzt? Taxi?“ 
„Nee, ich wird‘ abgeholt. Taxi kann ich mir nicht leisten, bin Student“.

Nu weet he glicks, dat he bi mich vell ruthal’n kann.

“Kalt heute”.
“Ja , lausig.”
Na hier geht’s noch - ist ‚ne warme Ecke.“
„Ja, die Pfalz – und in der Stadt ist es sowieso noch wärmer als auf’m Land.“

Wanneer kummt nu de Fraag?

“Aber teure Gegend.”

Süh!

“Na ja, die Leute verdienen auch ganz gut hier – wenn sie Arbeit haben.“
„Ich würd mich ja gern mal aufwärmen, da untern in der Kneipe, aber so’n kleines Bier“, he wiest mit sien‘ Buddel, „unter fünf Mark ist da nix.“ 
„Das ist überall so, ich geh auch kaum in die Wirtschaft.“
„Früher war das anders, da konnten sich die Leute das eher leisten.“
„Ja, mein ich auch.“

Wat kummt he nu nich to Gang mit sien Anbaggeree?

„Früher war ich oft in der Kneipe mit meinem Vater.“

Ich nicköpp. Will he amenne doch bloß snuddeln?

„Da hat er immer ein kleines Bier und `n Korn getrunken, und ich hab ne Cola gekriegt.“

Mach wähn, dat he mi doch nich anwill. Dat lett jo so, as wenn je bloß een‘ socht hett to’n Vullquasseln. Mien Verklaamtheit daut’n bäten up, un nu stickelt mi de Neeschier:

„Du sagst, dein Vater hat immer’n Bier und’n Korn getrunekn – da bist du aber nicht vn hier, oder?“

He kickt mi an, grient, böögt sick nööger uns eggt: „Nee, ich komm‘ aus Jever – ic bün Manni, un wi künnt Platt snacken. Ick heff dat woll glieks markt, dat du ok von baben kummst“.

Dat ist jo so gediegen: Dor steihst du nachts klock half een up düssen asigen süddüütschen Bahnhoff, un de eenzige Minsch, den dat Leven um düsse Tied hier noch andümpeln lett, dat is’n Plattdüütschen. Ick vertell em, dat ick Henning heet und dat ick von de Heide bün un dat ick in Heidelberg studiern do un dat ick’n Froo heff un ok’n Hund, un Manni vertellt mi, dat he von Jever affhaut ist – dor wöör keen Utkamen – un dat een hier in Ludwigshafen de Winters uthooln kann und dat’n hier von‘t Amt lichter mal’n Fiefmark kriegen deit as in Mannheim, un he wiest mi sein Bank und sien Fohrrad und he holt mi sein‘ Buddel hen, man dat is mi to koolt för Beer, segg ick.

Jüst duukt achtern de Lichters von een Auto up un kaamt up us to.

“Süh, dat sünd dien Lüüd“, seggt Manni, „amenn‘ hebbt de’n poor Mark for’n armen Kerl?”
“Nee lat man, Manni”, ick lang na mien Portmenee un prussel mien’ lesten Teihnmarkschien rut, “de hebt sülben nix, nimm düssen mal hen”.

Manni kloppt mi up de Schullern.

Elke un Sebastian sünd dor. Ick beed Manni mien Hand un stüür up dat Auto los.

„Giff mi dien Adress, ick will di mal’n Korten schrieben!“

Ick dreih mi um: „Ja – man, ick heff nix to Schrieven“.

Manni hett. He gravt’n Kugelschrieber ut de Böxentasch‘ un ritt sein leddig Zigarrettenschachtel twei un reckt mi dat to. Ich nähm dat hen, gah na dat Auto, legg de Papp’ up’t Dack un kiek em an.

“Pass up, Manni”, segg ick, „ick schriev di mal mien Adress in Norddüütschland up – “keen weet, wanneer du to’n Schrieven kummst, un dor krieg ick dien Korten bestimmt”.

Ick geev Manni sieh Schrievtüück trügg, stieg achtern in dat Auto in un wink em nochmal to. Elke föhrt los, un Sebstian seggt: „Na, hast Gesellschaft gefunden?“
„Ja“.

Manni un de Bahnhof blievt achterut, dat Radio dudelt lies un dat is hier mollig warm.

Henning Wiechers

Erschienen in: Bernd Jörg Diebner und Rudolf Lehr (Hrsg.), Deutsche Mundarten an der Wende, Verlag Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg, 1995.

För twe

Wulken un Wind treckt dör de Tiet,
´keen weet wolang se Regen daaldrievt up dat Land,
´keen weet wolang?
Reg’nt ok up dat Woord,
man dor is keen Schuur.
Leeven kummt ut jedeen Dag,
de dien Ja weer spöört.

Lust up Leven un den Moot för joo,
blang den Heeven ok de Eer.
Troon för den Patt joo upeenannerto -
Sünn mang Regenweer.

Kennt joo all lang, man lang nich noog,
´keen weet, wo goot ji trechtkamt mit de anner Leev,
´keen weet wol goot?
Free in Leev för di,
as de anner – free!
Künnt‘ nich fasthooln as dat wöör,
Güng bloß twei dorbi.

Lust up Leven un den Moot för joo,
blang den Heeven ok de Eer.
Troon för den Patt joo upeenannerto -
Sünn mang Regenweer.

Text und Musik: Henning Wiechers

Erschienen in: Stünn um Stünn, Festschrift für Bernd Jörg Diebner to sienen 60 Geburtsdag, den 8. Mai 1999, Verlag „Die Kennung“, Beiheft 9.